Das Pferd

Gibt es ein Tier über das mehr Legenden erzählt, Bücher geschrieben oder Filme gedreht wurden als über das Pferd? Jahrhunderte lang hat es den Menschen samt Kutsche und Gepäck von A nach B befördert, es hat seinen Ritter furchtlos in die Schlacht getragen oder wurde vom Bauern vor den Pflug gespannt. Wenn Aufgaben zu bewältigen waren, für die Kraft und Schnelligkeit gefragt waren, stand das Pferd an erster Stelle. Natürlich hätte man, was die Muskelkraft angeht,  auch einen Ochsen vor die Kutsche spannen können … aber wie sieht das denn aus, bitte?!
Das Pferd hat von jeher große Faszination auf den Menschen ausgeübt. Es ist wunderschön, stark und schnell. Es kann ein Freund sein und wenn es dir vertraut, passt es auf dich auf, obwohl du als Raubtier dich erdreistet hast, dich auf seinen Rücken zu setzen…
Nachdem das Pferd seinen Job als Zug-, Last- und Arbeitstier aufgrund der fortschreitenden Industrialisierung eingebüßt hat, hat es sich anderweitig orientiert und macht jetzt verstärkt Karriere als Sport- und Reitpferd oder übernimmt die ein oder andere Rolle in Kino- und Fernsehfilmen. In den Rollen von Black Beauty, Spirit oder Ostwind haben sie uns zum Träumen gebracht und unsere Phantasie beflügelt und nicht wenige von uns sind nach dem Kinobesuch schnurstraks in den nächsten Reiter- und Pferdebedarfsladen marschiert um sich mit Reithosen, Stiefeln und Helmen einzudecken, um für die nächsten Ferien auf dem Reiterhof gerüstet zu sein.
Bei all der enthusiastischen Begeisterung für´s Pferd übersehen leider viel zu viele, daß das eindrucksvolle 500 Kilo schwere Kraftpaket, das wir zu beherrschen versuchen, ein hochsensibles Fluchttier mit einem breiten Spektrum an Emotionen ist und Gerte und Sporen nicht der richtige Weg sind, um mit diesem feinfühligen Geschöpf zu kommunizieren. Das Pferd hat eine eigene, sehr subtile und doch, wenn man einmal gelernt hat, richtig hinzuschauen, sehr deutliche Körpersprache. Und wenn wir einmal gelernt haben, „Pferd“ zu sprechen, ist der Umgang mit so einem Pferd eine großartige Bereicherung für das eigene Leben und man hat die Möglichkeit, jeden Tag von seinem Pferd dazu zu lernen.
Obwohl unter Reitern und Pferdeliebhabern hinlänglich bekannt ist, daß so ein Pferd „spiegelt“, also unsere eigenen Emotionen wiedergibt und man es daher auch gerne zu Therapiezwecken einsetzt, machen sich die wenigsten Leute bewußt, daß das Pferd den Menschen ebenso beurteilt, wie wir das Pferd. Wir stellen uns gerne vor so einen Zossen hin und fangen an, über seinen Körperbau, seine Fellfarbe, seinen Stammbaum und seine Eignung als, Sport- oder Renn- oder Reitpferd zu diskutieren und merken dabei gar nicht, wie wir aus dem Stall heraus ebenfalls beäugt und beurteilt werden. Pat Parelli hat das mal sehr schön formuliert: Ein Pferd teilt die Menschen in zwei Kategorien ein: in „Pferdemenschen“ und die anderen. Der Pferdemensch allerdings wird auch noch mal genauer spezifiziert. Und zwar gibt es da den normalen Pferdemenschen, den Natürlichen, den Nervösen, den Lästigen, den Spinner, den Doofen und den Verrückten…

Text: Nadja von der Hocht