Hasi

Neulich hatte ich die Ehre eine stolze Spanierin reiten zu dürfen. Eigentlich war ich nur zufällig im Stall. Ich wollte nur auf meinen Mann warten, der einige Ausritte zu absolvieren hatte. Es war schon später Nachmittag und der Platz war voll mit Gästen. Es standen jede Menge Ritte an:
Touristen, die galoppieren wollten, Anfängergruppen für Schrittausritte, Kinder, die noch am Strick geführt werden mussten … das Pferd auf dem es saß, nicht das Kind … und dazwischen wuselten die ganz Kleinen, die sich eifrig Helme aussuchten und sich stritten, wer denn zuerst auf den Ponys „Sternchen“ und „Crema Catalana“ im Korral von den Eltern im Kreis geführt werden durfte.
Ich streifte mir mein „Rancho“-Shirt über, um meine Zugehörigkeit zum Stall zu demonstrieren und half da, wo man mich hinschickte:
Pferde putzen, satteln, Pferde an die Tränke führen, auftrensen, Gästen in den Sattel helfen, Tips geben zu Sitz, Haltung und Umgang mit dem großen Vierbeiner, „Reitern“, die im Bikini und Flip-Flops zum Ausritt erschienen waren, schnell noch Reithose und Stiefel ausleihen und mich zu guter Letzt in pinker Warnweste, bewaffnet mit hölzernem Stoppschild auf die Straße vor die Autos werfen, damit die Gruppen ungehindert passieren konnten.
Zwischendurch wurde ich gefragt, ob ich eine Gruppe übernehmen wollte. Aber ich hatte an diesem Tag keine Lust anzuführen. Außerdem lahmte meine Lieblingsstute und stand mit gelbem Schein auf der Koppel. Deshalb erklärte ich mich nur dazu bereit, mit irgendeinem Pferd der größeren Anfänger-Gruppe hinterher zu trotten und aufzupassen, daß keiner verloren ging. Aber, wie so oft im Leben, kam es anders als ich mir das zurecht gelegt hatte; denn es hieß, ich dürfe „Hasi“ reiten!


Hasi ist der Chefin höchst eigenes Privatpferd und ihres Zeichens „Pura Raza Española“. Ich hatte sie mal beim Longieren beobachtet und war beeindruckt von ihren geschmeidigen, gleichmäßigen Gängen und ihrer stolzen Haltung. Sie ist eine wunderschöne Schimmelstute mit langer Mähne und freundlichem Charackter … jedenfalls war das der Eindruck, den ich bis dahin von ihr am Boden gewonnen hatte.
Mein Mann schwärmt ununterbrochen von ihr. Er durfte sie schon öfter reiten … Er darf sowieso immer alles, weil er ein natürlicher Pferdemensch ist und alle Pferde, ob Stute, Wallach, Hengst, Pony oder Fohlen auf ihn fliegen und sich bei ihm grundsätzlich anders benehmen als bei unsereinem! Ich muss bei Stuten immer erst herausfinden, ob sie mich mögen … Egal wie begeistert ich von einer Stute bin, wenn sie mich nicht leiden kann, wird das nichts auf Dauer mit uns. Sogar bei meiner Lieblingsstute habe ich manchmal das Gefühl, daß ich für sie bloß der Mensch bin, den sie von allen am wenigsten haßt …
Und jetzt stand da dieser spanische Traum in Weiß an der Aufstiegsstelle und wartete auf mich! Mein Mann war an diesem Tag schon mit ihr draußen gewesen und meinte, er hätte sie mit angezogener Handbremse reiten müssen. Sie wollte laufen und ich sollte mich darauf einstellen, daß sie es eilig hat. Dies Info und die Tatsache, daß ich jetzt doch anführen sollte, dämpften meine Euphorie etwas … aber nur kurz.
Ich schwang mich in den Sattel und alles passte. Ich musste nicht nachgurten oder die Bügel neu einstellen und konnte sie problemlos an die Straße lenken. Ab und zu, wenn ich ein fremden Pferd zum ersten Mal reite, überfällt mich ein leichtes Unbehagen. Dann gibt mir das Pferd unter mir nicht sofort genügend Sicherheit und wir absolvieren den Ausritt die ganze Zeit mit gegenseitigem Mißtrauen und testen uns ständig aus. Das ist sehr anstrengend. Bei Hasi war das nicht so. Kaum saß ich im Sattel, kam von ihr so etwas wie ein mentales Okay:
„Alles wird gut. Ich mag dich. Es kann losgehen.“
Ich drehte mich um und betrachtete die Gruppe, die ich jetzt eine Stunde im Schritt spazieren führen durfte. Ich hatte die Anfänger mit den Flip-Flops. Für der jungen Mann, der seine Freundin nur notgedrungen begleitete, waren keine Stiefel in Größe 42 vorrätig gewesen und so saß er jetzt in Flip-Flops auf dem guten, alten Otto und guckte etwas unglücklich aus der Wäsche. Der Rest waren alles junge Party-Girls um die Zwanzig, die mit einer Hand irgendwie die Zügel hielten, weil sie die zweite Hand für´s Smartphone brauchten. Ganz hinten bildete mein Mann das Schlußlicht mit einem aufgeregt plappernden Kind auf dem „Bonsai-Friesen“ Cici, den er am Strick mit sich führte.
Die Autos wurden angehalten und ich führte die Gruppe über die Straße. Ich war noch nicht ganz drüben angekommen, da hieß es schon: „Langsamer da vorne!“
Hasi war in der Tat  sehr flott unterwegs und die meisten der nachfolgenden Anfängerpferde sind schon etwas älter, machen ihren Job seit Jahren, absolvieren die Wege im Schlaf und haben es nicht mehr ganz so eilig. Alle paar Meter musste ich die ungeduldige Spanierin zügeln, weil sie keine Lust hatte, auf die Herde zu warten. Die erste halbe Stunde ging alles gut. Aber bei jeder Zwangspause, die wir einlegten, um die Herde aufschließen zu lassen, wurde die Dame merklich ungehaltener. Sie war nicht bösartig, aber wenn sie ein Auto gewesen wäre, hätte ich jetzt dringend Bremsflüssigkeit und Öl für die Servolenkung nachfüllen müssen…
Wir kamen auf einem höher gelegenen Plateau an, über das man mit Schrittgruppen gerne reitet, wegen der schönen Gegend. Das Plateau hat schöne, gerade Wege auf denen man gut traben und galoppieren kann. Das erkannte auch Hasi und wollte lossprinten … Wie gerne hätte ich ihr ihren Willen gelassen! Aber ich hatte ja auf blutig Anfänger aufzupassen, die alle sorglos im Sattel herumchillten. Ich führte mit der feurigen Spanierin eine kurze Diskussion und war froh, daß die tiefenentspannte und grottenbrave Bailey, die direkt hinter uns ging, nie den Blödsinn mitmacht, den ihre Kollegen ab und zu mal veranstalten. Sie trug ihren Menschen pflichtbewußt weiter und sah zu, wie ich mit Hasi eine enge Volte ritt und sie nach hinten schauen ließ, um sie daran zu erinnern, daß man als Führpferd eine gewisse Verantwortung zu tragen hat. Wir einigten uns auf „unentschieden“ und auf dem Rückweg machte ich es mir etwas leichter. Ich ließ sie einfach in ihrem Tempo vorgehen und behielt dabei ständig die Gruppe im Blick. Jedesmal, wenn der Abstand zu groß wurde, ritt ich eine mehr oder weniger große Volte, bis die Gruppe wieder aufgeschlossen hatte. Das klappte ganz gut. Hasi war beschäftigt und entspannte sich zusehends. Den Rest des Weges konnte ich genießen, weil ich jetzt nicht mehr gegen sie ankämpfte, sondern sie machen ließ. Ich genoß ihr Temperament, den flotten Schritt und daß sie auf alle Hilfen sofort reagierte. Bei dem kurzen Sprintversuch auf dem Plateau hatte ich eine Ahnung davon bekommen, wie es sein würde, mit ihr über die Wiesen zu fliegen. Ich kann es kaum erwarten, nochmal mit ihr auszureiten. Vielleicht fällt bald mal eine Galopp-Gruppe für mich ab, die ich mit Hasi anführen oder begleiten darf … die Hoffnung stirbt nie.
Zurück im Stall konnte ich eine zufriedene und vollzählige Gruppe abliefern. Weder Handys noch Flip-Flops waren verloren gegangen. Nur mein armer Mann war dezent mit den Nerven zu Fuß, weil das schwatzhafte Kind neben ihm eine Stunde lang durch geplappert hatte…

Text: Nadja von der Hocht
Fotos: Wolfgang von der Hocht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.