Neulich hatte man mich in unseren pinken Touristenstall bestellt, weil sich trotz Reisewarnung doch noch ein paar Touristen zum Reiten angemeldet hatten und ich sollte eines der Handpferde übernehmen, da viele der pferdebegeisterten Gäste noch Kinder sind und noch nicht gelernt haben, ihr Pferdchen selbst durch die Botanik zu lenken. Trauriger weise erfuhr ich, kaum daß ich angekomme war, daß mein Reitkind abgesagt hatte. Um mir nicht ganz überflüssig vor zu kommen … und um mich vor dem Stalldienst zu drücken, schwang ich mich trotzdem auf meinen Arbeitsbuddy und begleitete die kleine Gruppe, die jetzt nur noch aus Mutter und Tochter bestand, denn weitere zwei Gäste, die eigentlich hätten mitkommen sollen, waren gar nicht erst erschienen. Als ich so am Ende der Truppe hinterher wackelte, fragte ich mich, ob das jetzt so schlau gewesen war, mit zu kommen, denn vielleicht waren die anderen Gäste einfach nur zu spät… just in dem Moment klingelte das Handy und ich wurde zurück beordert.

Die vermissten Gäste waren doch noch angekommen und ich sollte sie in einer Extragruppe anführen. Also wendete ich meinen Jonc, der die unerwartete Unterbrechung der Reitroutine erst gar nicht toll fand. Aber ich erlaubte ihm den Weg zurück zu traben, obwohl er das gar nicht soll. Er hat sich auch ziemlich aufgeplustert und jedem am Wegesrand gezeigt, wie viel Spanier in ihm steckt und wie schön er die Beine heben kann. Mit rundem Hals und aufgestelltem Schweif vollführten wir für die Autofahrer an der Straße eine kleine Show, bis sie uns endlich die Straße überqueren ließen. Zurück im Stall erwartete mich ein junges Paar aus Frankreich mit arabischen Wurzeln. Zum Glück sprachen sie auch englisch, denn mein Schulfranzösisch ist quasi kaum noch existent. Der Mann wurde auf unseren routinierten, alten Halbaraber Eco gesetzt und seine Frau fand sich auf der etwas kleineren „Laß das! – Laska“ wieder. Den Zusatznamen haben ihr die Mitarbeiter im Rancho gegeben, da sie zwar ein braves Reitpferd ist, es aber oft sehr schwierig sein kann, sie zu satteln oder am Boden nach zu gurten, ohne angegiftet oder anderweitig von ihr bedroht zu werden. Daher wird sie meist mit „Laß das!“ angeredet statt mit ihrem Namen „Laska“. Ich zog also mit meinen Gästen los und den halben Ausritt absolvierten wir ohne Probleme. Sie genossen die Gegend und den Blick auf den Strand. Sie unterhielten sich ein bisschen in ihrer Sprache und machten ohne Ende Selfies. Besonders die Frau hatte beide Hände meist am Handy statt an den Zügeln, was sich auch alsbald rächen sollte… denn die Pferde sind ja nicht doof und Laska hat sehr schnell gemerkt, dass ihre Reiterin erstens eine blutige Anfängerin und zweitens ziemlich unkonzentriert auf ihrem Rücken herumchillte. Anscheinend war die Dame der Meinung, daß bei so einem Ausritt alles automatisch abläuft und man selbst als Reiter nicht mitarbeiten muss. Aber so läuft das nicht. Die Pferde trotten nicht stumpfsinnig hinter einander her. Sie haben durchaus noch ihren eigenen Willen und wenn sich eine Gelegenheit bietet, am Wegesrand etwas zu naschen, dann lassen sie sich diese Gelegenheit nicht entgehen, ganz besonders, wenn der Reiter sich nicht durchzusetzen weiß und gerade die Hände nicht frei hat, weil das Smartphone schon mit der Innenseiter der Handfläche verwachsen ist… Wir bogen auf eine Lichtung ein und Laska, die als Letzte ging, entschied, lieber den Parallelweg zu nehmen, weil da die grüneren Sträucher wuchsen. Sie suchte sich die üppigste Stelle und begann friedlich zu grasen, da ihre Reiterin ja nicht die geringsten Anstrengungen unternahm, sie wieder auf Kurs zu bringen. Sie saß da und beschwerte sich bei ihrem Mann auf Französisch, daß das Pferd ja nicht machte, was es sollte … die Zügel ruhten unberührt auf Laskas Hals… Ich rief ihr auf Englisch zu, was sie tun sollte, um ihr Pferd am Grasen zu hindern und es wieder auf den Weg zu bringen. Aber sie hörte nicht zu. Sie beachtete mich gar nicht und schimpfte stattdessen weiter auf Französisch mit ihrem Mann herum. Als wenn er was dafür könnte, daß sie die Zügel einfach nicht in die Hände nehmen wollte. Also erklärte ich ihrem Mann, was sie tun soll, damit er ihr das übersetzt, da sie vielleicht doch nicht so gut Englisch verstand. Er redete mit ihr und ich sah fasziniert zu, wie sie weiterhin nichts tat. Sie nahm einfach nicht die Zügel auf. Sie saß da wie eine nörgelnde Prinzessin, die hilflos auf ihr Personal wartete, damit die ihr Leben wieder in Ordnung bringen würden. Es war ein Bild für die Götter und ich hatte schwer damit zu kämpfen mir das Lachen zu verkneifen. Laska graste indessen friedlich weiter, während es dem Mann irgendwann zu viel wurde. Ich gab Tipps auf Englisch in sein rechtes Ohr, seine Frau jammerte auf Französch in sein linkes Ohr und irgendwann platzte ihm der Kragen und er brüllte seine Frau auf Arabisch an. Das half aber auch nicht und seine wachsende Anspannung ließ Eco langsam unruhig werden. Es nützte nichts, ich musste eingreifen. Anscheinend hatten Jonc und ich zur selben Zeit den gleichen Gedanken. Denn ihm reichte es jetzt auch und er wollte die Sache beenden. Die Sonne stach nämlich ganz schön auf dieser Lichtung. Er setzte sich ganz ohne mein Zutun in Bewegung und tat genau das, was ich vor hatte. Muss wohl Telepathie gewesen sein. Wir schlugen uns in die Büsche und scheuchten Laska von hinten aus dem Grün heraus. Ich war ja so stolz auf meinen Buddy Jonc, der immer so toll mitarbeitet. Da wir schon so viel Zeit verloren hatten und am Ende der Kurve drei große Bäume mit Johannisbrotschoten wuchsen, die für die Pferde die nächste Versuchung darstellten, wollte ich den Weg etwas abkürzen und versuchte, die Bäume mit den leckeren Schoten zu meiden. Ich nahm einen Trampelpfad durch die Sträucher, aber diesmal sah Gewohnheitstier Eco gar nicht ein, woanders lang zu gehen. Schließlich gehen wir ja immer an diesen Bäumen vorbei und die Pferde schnappen sich im Vorbeigehen die ein oder andere Schote. Aber mit der total hilflosen Prinzessin auf Laska wollte ich lieber nicht daran vorbei. Der Mann hatte Eco ganz gut im Griff. Er ritt an den Bäumen vorbei, Eco bediente sich an zwei, drei Schoten, die am Boden lagen und ließ sich dann wieder dazu herab, sich mir anzuschließen. Er dachte sich wahrscheinlich: „Never change a running system“ und nach all der Aufregung hatte er sich jetzt auch mal ein Leckerchen verdient. Leider hatte Laska die Wartezeit genutzt, sich wieder mit ihrer wehrlosen Reiterin im Grün zu verdrücken und ich kam mit meinem Wallach nicht nah genug an sie heran, um sie am Zügel herauszuziehen. Bevor sie vollends ungehalten wurde und anfing zu treten, (das Pferd, nicht der Gast)entschied ich mich, lieber abzusteigen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Zum Glück habe ich genau für solche Fälle immer einen Strick dabei. Ich saß ab und hängte Laska an mein Abschleppseil. Als wir uns endlich wieder gesittet auf den Rückweg machten, konnte ich hinter mir einen dicken, fetten Stein von einem überforderten Herzen plumpsen hören, als Madame nicht mehr genötigt war ihr Pferd selbst zu lenken … nicht, dass sie es überhaupt mal versucht hätte.. Zurück im Stall war sie wieder oben auf und wollte gar nicht mehr von Laska runter, da ihr Mann sie noch nicht von allen Seiten fotografiert hatte. Endlich wieder mit allen Füßen am Boden verabschiedete sich der Mann noch nett von mir und bedankte sich mehrfach, während ich für Hoheit immer noch Luft war. Noch nicht ganz aus dem Stall raus wurde schon gecheckt, ob die Selfies auch alle was geworden waren. Da ich niemals beim Reiten das Handy in die Hand nehme wenn es nicht dringend nötig ist, kann ich leider mit keinem Fotobeweis von der Orientprinzessin auf der friedlich grasenden „Laß das! - Laska“ dienen und mir bleibt nichts anderes übrig, als diese hoffentlich unterhaltsame Geschichte zu schreiben, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann.

Text: Nadja von der Hocht
Foto: Elke Glomm - Rancho Bonanza Cala Ratjada, Mallorca