Mein Freund Hami

Es ist noch gar nicht sooooo lange her, als sich die Liebe zum Pferd für mich neu entfaltete, vielleicht 5 oder 6 Jahre. Als Kind von ca 12 Jahren hatte ich zwar schon mal die Begegnung mit einer Stute Namens Wanda, allerdings glaube ich eher, dass mich Anja, die sich um das Pferd kümmerte, damals mehr interessierte. Jedenfalls war Wanda Zeuge meines ersten Kusses…

Zur Zeit lebe ich zusammen mit meiner lieben Frau Nadja auf der schönen Baleareninsel Mallorca.
Nadja saß schon als Kind im Sattel. So dauerte es auch nicht lange, dass wir in einem Reitstall für Touristen landeten. Fast täglich begleitete ich meine Frau in den Reitstall und langweilte mich zu Tode.
Eines Tages war es dann soweit: die „Troubada“ stand auf dem Plan! Das ist so eine Art Saisonausklang für uns Reiter. Als Kerl mit einer großen Klappe wollte ich natürlich dabei sein. Also tat ich so, als hätte ich schon mal auf einem Pferd gesessen, was nicht ganz der Wahrheit entsprach, denn schließlich war es schon sehr lange her, als Heinz, der Besitzer von Wanda, mich auf seine Pferd setzte.
Elenor, die Besitzerin des Reitstalls, hat das wahrscheinlich geahnt und gab mir deshalb eine sehr liebe „Automatikstute“, Namens Belina. Ich musste nur drauf sitzen und mich festhalten, den Rest hat Belina übernommen.
Der Ausritt mit unzähligen Reitern uns verschiedenen befreundeten Reitställen der Insel, führte über einen Landstrich hinter Artá. Ich habe noch nie so viele Pferde und Reiter auf einen Haufen gesehen. Es war ein unglaubliches Erlebnis, und von diesem Moment an, war ich infiziert.


Im Laufe der Zeit durfte ich mich ausprobieren. Elenor, die immer ein Auge auf meine Sicherheit hatte, ließ mich dann auch ab und an auf andere Pferde. So nach und nach wurde ich dann auch Teil des Teams und begleitete die Ausritte mit Touristen. Am Anfang noch als Zusatzbegleitung, später aber auch alleine.
Pferde wurden ein Hauptbestandteil in meinen Gedanken und in meinem Leben. Ich las alles was mir in die Finger kam, schaute im Internet jedes Video und lauschte sämtlichen Fachleuten bei ihren Gesprächen.

Während meiner Arbeit im Reitstall lernte ich dann auch Hamilton kennen. Ein stolzer brauner Traber, mit 3 weißen Fesseln und einer langen Mähne. Aufgefallen war er mir schon als Marie, eine auf Mallorca lebende Jugendliche, mit ihm mal ein paar Fotos machen wollte. Da wurde mir schnell klar, dass es sich hier um einen ganz besonderen Wallach handelte. Wie einfühlsam die beiden miteinander umgingen und Pferd und Mädchen mit einander agierten, war einfach wunderbar anzusehen.

Hami wurde dann auch sehr schnell mein Favorit. Bei einem Ausritt mit Anfängern war es wichtig, ein zuverlässiges Pferd zu haben, dass nicht gleich abhaut, wenn man es mal nicht angebunden und kurz unbeaufsichtigt in den Rabatten stehen ließ. Die Touris wollten natürlich auch gerne Fotos machen, oder ließen was fallen, so dass ich auch schon mal absteigen musste. Hami blieb dann immer brav stehen, und kam sogar auf Kommando hinter mir her. Bis hierhin nix besonderes…
Der Herbst kam und wie es so üblich war, mussten die Pferde ja auch außerhalb der Saison bewegt und gepflegt werden.
Marie ging mit ihrer Familie zurück nach Deutschland, so dass ich mich jetzt um Hami kümmern durfte.


Fast täglich ging es raus zum Strand und in die Wälder der Cala Mesquida. Manchmal bin ich abgestiegen um es meinem Pferd nicht zu schwer zu machen. Ihr müsst wissen, Mallorca ist sehr geröllig und ich bin auch nicht der Leichteste. Hami schien das zu genießen, denn ab und an durfte er sich auch was vom Wegesrand einverleiben. Hier wächst zum Glück nichts Giftiges und so durfte er sich sein Grünzeug nach Herzenslust rupfen. Im Frühjahr bin ich dann mit ihm zum Freischneiden der Wege geritten. Er hatte vor nix Angst und half, wo er konnte. Einmal hat er mir sogar geholfen einen Baumstamm aus dem Weg zu räumen. Der war dick wie ein Bein und ca. 3 Meter lang. Von da an wusste ich, dass Vertrauen der Schlüssel zum Hetzen der Pferde ist. Hami vertraute mir, und ich war angehalten, sein Vertrauen nicht zu missbrauchen. Er wusste, das ich ihn in keine schlimme Situation bringen würde und dass ich auf ihn aufpasste. Das auch er auf mich aufpasste wurde mir erst klar, als mir während eines sehr schnellen Ausrittes, der Steigbügelriemen gerissen ist.
Ich drohte zur Seite runter zu fallen, weil ich meine Kamera nicht fallen lassen wollte, mit der ich unseren rasanten Galopp filmen wollte. Doch Hami versperrte mit seinem Hals und Kopf meine Flugrichtung, fing mich auf und blieb sofort stehen, so dass ich unbeschadet blieb.
Hamilton wurde mein Freund und so gingen wir auch schon mal spazieren, ohne Sattel, nur so.

Eine Saison folgte der nächsten und auch die Winter kamen und gingen, bis dann aus heiterem Himmel eine Diagnose mir den Teppich unter den Füßen weg zog:
Eine Art Tumor in Hami‘s Kopf. Ich war fassungslos. Mein Freund war unheilbar krank. Was nun?
Ich beschloss, ihm zur Seite zu stehen, wo ich konnte. Wir gingen viel spazieren, ritten aus, und ich putzte ihm die Nase. Der Ausfluss roch streng und war für Hami eine starke Belastung. Ausritte mit Touristen waren nicht mehr zumutbar, weil der Geruch nicht angenehm war. Anfangs ging das noch, da habe ich den Touris was von Schnupfen erzählt, aber es wurde immer schlimmer und die Nase wurde zu einem „fließenden Konzept“. Wir sind dann immer privat raus gegangen, meist ohne Sattel. Es wurde dann immer schlimmer. Hami musste oft geduscht werden, weil die Fliegen und Wespen sich über ihn her gemacht haben. Dann kam alles sehr schnell, es kam wie es kommen musste: Hami sollte eingeschläfert werden.
Anfangs stäubte ich mich vor dieser Entscheidung. Hami gehörte nicht mir und ich hatte kein Recht über sein Schicksal zu bestimmen. Elenor, die Besitzerin, machte mir jedoch klar, dass es der bessere Weg ist, ihm seinen Frieden zu geben.
Der Tag an dem Hami uns verlassen würde, rückte näher. Ich beschloss, mit ihm einen langen Spaziergang zu machen ohne ihn zu reiten. Er durfte noch mal alles in sich rein schaufeln, was ihm schmeckte. Hami mochte diese kleinen tannenähnlichen Zweige gern. Wir sind quer durch die Rabatte gelaufen und haben noch mal einen schönen Tag verbracht. Im Stall angekommen, duschte ich ihn ein letztes Mal ausgiebig und verabschiedete mich. Hami schenkte mir noch eine Träne, bevor der Tierarzt kam.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an ihn denke. Ich habe noch kein Pferd gefunden, mit dem die Chemie so gestimmt hat, wie mit Hami. Möge er in Frieden ruhen. Ich vermisse ihn.

Text: Wolfgang von der Hocht
Fotos: Nadja und Wolfgang von der Hocht

Anmerkung der Redaktion: basierend auf wahren Begebenheiten, die Namen wurden von der Redaktion geändert

3 Gedanken zu „Mein Freund Hami“

  1. Deine Geschichte hat mich sehr berührt. Dass du sie niedergeschrieben hast, hilft dir sicher bei der Verarbeitung der Trauer. Hami wird dich stets begleiten, bei jedem Ausritt…

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