Pambol

Nachdem ich die letzten Monate – ach was! – gefühlt waren es Jahre!! – nur Rentnerpferde gepflegt, Schrittausritte begleitet, kleinen Mädchen Reitunterricht erteilt hatte oder wegen chronischem Zeitmangel gar nicht erst im Stall erschienen war, fand ich es an der Zeit, endlich mal wieder bei einem ordentlichen Galoppausritt mitzumachen.
Meine große, schwarze Lieblingsstute hatte schon lange Probleme mit den Beinen und durfte nicht mehr bei Galoppausritten mitgehen, was die vielen Schrittausritte erklärt, da sie trotz der müden Knochen noch Bewegung brauchte. Aber jetzt hatte man sie endgültig in Rente geschickt, was für mich bedeutet, dass ich mir einen neuen „Buddy“ suchen muss.
Jetzt hat der Reitstall zwar Pferde im Überfluss und ich könnte mir von den circa fünfzig Hotties, die es täglich zu bewegen gilt, einfach eines herausgreifen, aber das ist nicht so einfach, wie es sich anhört. Ich suche mir meinen neuen Kumpel schließlich nicht nach der Optik aus. Außerdem will ich, dass das Pferd mich auch leiden kann; und sich bei einem Touristenpferd, das täglich mehrere Reiter unterschiedlichen Charakters und erheblich voneinander abweichender Körperbeherrschung durch die Gegend trägt, dauerhaft beliebt zu machen, so dass es einen für längere Zeit im Gedächtnis behält, besonders, wenn man nicht jeden Tag im Stall ist, ist gar nicht so leicht.
Dann sind in letzter Zeit viele neue, noch junge Pferde dazu gekommen, die ich auch erst mal kennen lernen muss.
Um mir die Sache leichter zu machen, beschloss ich, mit den großen Pferden anzufangen. Davon gibt es nicht ganz so viele. Die meissten sind mittelgroße Spanier- und Araber-Mixe oder ehemalige „Trabergürkchen“, die auf der Rennbahn keine guten Zeiten erzielen konnten und jetzt auf Reitpferd „umgesattelt“ hatten. Die sind zwar auch nicht gerade klein, müssen das Galoppieren aber erst noch üben. Schließlich ist es ihnen jahrelang verboten worden.
Meine Wahl fiel schließlich auf „Pambol“. Er ist ein großer, kräftiger Mallorquiner.
„Warum zur Abwechslung nicht mal ein Wallach?“, dachte ich, nachdem ich jahrelang fast nur Stuten geritten bin. Außerdem ist auch er ein Rappe. Never change a running system, oder?
Eine dreiviertel Stunde bevor es losgehen sollte, schnappte ich mir Pambol´s Halfter und Putzzeug und marschierte zu dem Stall, den er sich mit der alten, gutmütigen Zoe teilt.
Beide standen einträchtig nebeneinander, hatten die Köpfe im Stroh vergraben und präsentierten mir ihre gewaltigen Hinterteile. Ich drängelte mich sachte zwischen den beiden hindurch und ging ebenfalls im Stroh auf Tauchstation, um Pambol´s Kopf da heraus zu fischen und ihm das Halfter anzulegen. Er ließ sich brav ans Gatter führen und anbinden. Während ich sein Fell von Staub und Sand befreite, fiel mir auf, wie groß er tatsächlich war. Sein Widerrist endete mehrere Zentimeter über meinem Kopf! Zwischendurch vergewisserte ich mich, ob ich nicht ausversehen in irgendeinem Loch stand… Nein! – Er war tatsächlich ein ganzes Stück größer als meine alte Gentile.
Als ich seine Hufe anhob, um sie auszukratzen, staunte ich wieder: Hufeisen Größe XXL! Ein kleiner Elefant hat wohl kaum größere Treter!
Den zweiten, hinteren Huf wollte er nicht sofort freiwillig geben und ich machte das, was ich immer tue, wenn ein Pferd nicht sofort kooperativ ist – ich lehnte mich gegen ihn, damit er sein Gewicht auf den anderen Fuß legen musste … aber ich glaube, er hat mich gar nicht bemerkt. Ich kam mir vor, wie eine Fliege, die versucht, einen Berg zu versetzten. Zum Glück hatte er irgendwann ein Einsehen mit mir und ließ sich zu Ende putzen.
Nachdem ich den Sattel auf ihn drauf gewuchtet und festgegurtet hatte, wollte ich mir schon mal so ungefähr die Bügel einstellen und musste entdecken, dass nicht genug Löcher im Riemen eingestanzt waren, um sie für meine kurzen Beine passend zu machen. Offensichtlich hatten bisher nur große Menschen mit langen Beinen auf ihm Platz genommen. Kein Wunder – bei seiner Größe und dem relativ kurzen Rücken, konnte er bestimmt schwer tragen. Ich hoffte, dass er während des Ausrittes nicht vergessen würde, dass ich auf ihm sitze.
Aber jetzt musste ich erst mal das Riemen-Problem lösen. Ich wollte auf keinen Fall mit zu langen Steigbügeln auf einen 2-Stündigen Galoppausritt gehen, mit einem Pferd, dass ich noch nicht kannte. Und um einen Knoten in die Riemen zu machen, dafür war ich irgendwie zu stolz…
Zum Glück war die Chefin für alle Eventualitäten gerüstet und reichte mir eine Lochzange, als ich nach anderen Riemen fragte. Ich stanzte enthusiastisch auf jeder Seite vier neue Löcher in die Riemen und dann wurde es auch langsam Zeit, aufzutrensen und aufzusitzen. Man mahnte bereits zur Eile.
„Wie weit bist du mit deinem Esel?“ ertönte es von der Aufstiegsstelle, während ich mich noch mit den gigantischen Kehl- und Nasenriemen und der Kette abmühte.
Die Tatsache, dass die Mädels Pambol als „Esel“ bezeichneten und die Beschaffenheit seiner Trense brachten mich dann doch etwas ins Grübeln. Ich hatte absichtlich nicht nach irgendwelchen „Macken“ gefragt, weil ich den Großen unvoreingenommen kennen lernen und mir ein eigenes Bild machen wollte. Warum „Esel“? War er bockig? Oder stur? Oder lag es einfach nur daran, dass der große Mallorquiner neben den kleinen, wendigen Spanierinnen, die mit uns gingen und dem noch kleineren, aber edlen Araber-Pony-Mix, mit dem die Kollegin die Gruppe anführte, nicht besonders elegant rüber kam, sondern eher etwas trampelig?
Ich entschied mich vorerst auf jeden Fall für „eigensinnig“, als er sich nicht sofort aus seinem Stall führen ließ und sich erst in Bewegung setzte, als er den halben Strohballen ein Stück vor seinem Gatter bemerkte und sich unverzüglich daran machte, sich darin zu vergraben, während ich hilflos, wie ein lästiges Insekt an seinen Zügeln baumelte…
Mit der Gewissheit, von sämtlichen Anwesenden grinsend beäugt zu werden, bot ich den letzten Rest Willenskraft, den ich um diese Uhrzeit aufbringen konnte, auf, zerrte ihn aus dem Stroh und bugsierte ihn zur Aufstiegsstelle. Was muss ich kleiner 1,60-Zwerg auch immer die größten Zossen reiten wollen?!
Ich kletterte auf seinen Rücken und vergewisserte mich, dass der Sattelgurt richtig saß und die Steigbügel passten. Während ich noch mit Gurten beschäftigt war, teilte mir ein dienstbarer Geist im Vorbeigehen mit:
„Du reitest heute Pambol? Der buckelt!“
„Na, klasse!“ , dachte ich. „Jetzt sagst du mir das!“
„Ich war gestern mit ´nem Gast draußen und da hat er gebuckelt.“
„Bist du ihn geritten oder der Gast?“ , wollte ich alarmiert wissen.
„Der Gast.“
Jetzt war ich wieder beruhigt. Man muss nicht alles glauben, was die Gäste einem erzählen. Es ist schon vorgekommen, dass sich ein Pferd vertreten hat oder über eine Wurzel gestolpert ist und der Gast später steif und fest behauptet hat, er wäre hundert Meter galoppiert!
„Weißt du, dass da eine Karotte in deinem Ausschnitt steckt?“
Von hier oben hatte man echt eine gute Aussicht. Schon ulkig, wo manche Leute ihre Leckerlies aufbewahren…
Ich setzte mich im Sattel zurecht und sortierte mir die endlos langen und schweren Lederzügel um die Finger. Mit den Teilen hätte man einen LKW abschleppen können.
Vor mir saßen bereits erwartungsfroh die beiden Gäste auf unseren zwei weißen Pura-Raza-Española-Stuten Hasi und Galana. Sie hatten sich brav Reithelme aufgesetzt. Da fiel mir siedend heiß ein, dass ich meine Schirmmütze vergessen hatte. Und so ganz ohne Kopfbedeckung wollte ich auch nicht durch die stechende Sonne und den Wald galoppieren. Normalerweise trage ich bei Schrittausritten mit vertrauten Pferden keinen Helm, sondern eine übergroße Schirmmütze zum Schutz vor der erbarmungslosen, sommerlichen Sonne Mallorcas. Aber jetzt saß ich auf einem noch fremden Pferd und wollte auf einen 2-stündigen Ritt durch die Wälder. Da empfiehlt sich ein Helm schon allein wegen der tiefhängenden Äste und Zweige, die ab und zu mal im Weg sind … besonders, wenn man sich das größte Pferd ausgesucht hat…
Zufällig stand Nicki gerade neben der Tür mit den Leihhelmen. Ich rief ihr zu:
„Kannst du mir mal bitte einen M-Eimer rüber reichen?“
„Wer braucht ´nen Eimer?“ , fragte die Chefin, die mich gehört hatte.
„Hier, ich!“
„Ist dir schlecht?“
Allgemeines Gelächter.
„Nein“, grinste ich. „Ich brauche so ´nen Deckel“, und zeigte mit spitzem Finger auf mein bares Haupt.
Nikki brachte mir einen potthässlichen Samt-Helm, den ich mir bis über die Ohren ziehen konnte und half dann Lotte, sich auf die hübsche Luna zu schwingen. Sie ritt die kleine gescheckte Araber-Dame nämlich nur mit Pad.
Endlich konnte es los gehen. Die Straße wurde frei gemacht und wir verließen zu viert den Stall. Nikki stand auf der Straße und hielt die Autos an. Sie sah zu mir hoch, als ich an ihr vorbei ritt.
„Passt der Helm?“, wollte sie mit schief gelegtem Kopf wissen.
„Ja, ja – ist nur wegen der Psyche“, antwortete ich und klopfte dreimal gegen den Deckel. Er saß zwar nicht richtig und ich sah mit dem übergroßen Dressur-Teil bestimmt total bescheuert aus, aber was soll´s. Ist ja keine Schönheitskonkurrenz und Sicherheit geht vor … zumindest das Gefühl von Sicherheit. Ich bin schon oft vom Pferd gepurzelt. Mal mehr, mal weniger schlimm aber ich bin noch nie auf den Kopf gefallen. Vielleicht hätte ich mir für den Ausritt mit dem Schlachtross besser eine Ritterrüstung zugelegt…
Wir spazierten durch den Wald. Vorne weg führte Lotte auf Luna die Gruppe an, dann folgten die beiden Mädels auf Galana und Hasi und ich bildete mit Pambol das Schlusslicht. Es ging gemächlich im Schritt bis zur ersten Trabstrecke. Luna trabte an und die beiden Spanierinnen folgten artig. Nur Pambol hatte es nicht eilig. Die ersten Schritte waren etwas holperig und am Ende der Strecke waren wir ein ganzes Stück zurück gefallen. Die Mädels mussten kurz auf uns warten, bevor wir gemeinsam wieder eine Straße überquerten und uns auf den Weg zum Parkplatz an der Cala Agulla machten. Dort wartete die erste Galoppstrecke auf uns. Auf dem Weg dorthin fiel mir ein, dass ich Pambol schon einmal vor Jahren geritten bin, als er gerade neu im Stall war. Damals hieß er noch „Gili“ und wollte bei Ausritten nicht in der Reihe bleiben und ist fröhlich und unaufhaltsam seitlich an den anderen vorbei getobt. Aber das ist schon lange her. Er hat bestimmt in der Zwischenzeit dazu gelernt, wagte ich im Stillen zu hoffen. Vorsichtshalber testete ich mal aus, wie er sich am besten lenken ließ: lieber Englisch, ordentlich und gesittet mit beiden Händen oder doch eher Western-style, locker und lässig mit einer Hand á la Clint Eastwood? Er reagierte auf beides, solange man die Zügel nicht zu kurz nahm. Sonst zog er sie einem mit einem kurzen Schlenkern seines mächtigen Kopfes sofort wieder aus den Fingern.
Und da kam auch schon der Parkplatz in Sicht. Lotte drehte sich zu mir um und rief:
„Der Pambol schert hier schon mal aus und läuft lieber über die Wiese, nur dass du Bescheid weißt!“
„Aha!“ , dachte ich. Hat er also an alten Gewohnheiten festgehalten.
„Alles klar!“, rief ich zurück und überprüfte noch mal meinen Sitz. Wenn die Sache so stand, nahm ich die Zügel lieber wieder in beide Hände. Wir betraten den Parkplatz und Lotte trieb die kleine Luna zum Galopp. Hasi und Galana folgten sofort. Nur wir stolperten in unruhigem Trab hinterher. Ich bremste ihn etwas ab, ließ die Zügel dann wieder durchhängen und trieb ihn mit den Schenkeln weiter an. Jetzt hatte er es kapiert. Wir galoppierten den Mädels hinterher und holten sie sogar ein. Und ganz ohne Speränzchen, Ausbruchsversuche oder andere Extra-Touren!
Ich klopfte ihm anerkennend auf den muskulösen Hals und freute mich auf die nächste Galoppstrecke. Diese hatte ich vor lauter „Auf-der-Hut-sein“ noch nicht richtig genießen können.
Wir schlenderten durch den Wald am Strand vorbei, über den man im Sommer leider nicht mit den Pferden reiten darf und machten uns auf den Weg zum Plateau, um dort noch mal zu galoppieren, bevor wir über den Berg kletterten um die Galoppstrecken an der Cala Mesquida abzureiten.
Auf dem Weg zum Plateau viel Pambol immer wieder weit hinter den anderen zurück .Er hatte es überhaupt nicht eilig und ich musste ihn ständig antreiben, um die Gruppe nicht zu verlieren.
„Wenigstens hat er es drauf, sich sein Grünzeug und den wilden Hafer im Vorbeigehen zu pflücken und bleibt dabei nicht stehen“, rief ich Lotte nach vorne zu.
„Das macht er aber nur bei dir“, rief Lotte zurück. „Den kenn ich sonst anders. Mit jedem Anderen bleibt er im Grün immer gemütlich stehen und fängt an zu Grasen.“
„Ach so?“ Schon schwoll mir die Brust vor Stolz. Anscheinend hatte ich doch noch genug Durchsetzungsvermögen um einen behäbigen Mallorquiner ohne Zwischenfälle durch das grüne und blühende Buffet links und rechts der Wege zu dirigieren.
Am Plateau angekommen, durften die Pferde wieder laufen. Ich lehnte mich zurück, ließ die Zügel durchhängen und ließ ihn machen. Sein Galopp war recht gemütlich und ich genoss den Wind, der mir um die Ohren pfiff. Ohne Zwischenfälle umrundeten wir das Plateau und kletterten danach den Berg hinauf Richtung Cala Mesquida.
Lotte nahm einen abenteuerlichen Weg, den ich noch nicht kannte und führte uns um den kleineren der beiden Berge, die die Cala Agulla von der Cala Mesquida trennen, herum. Endlich erreichten wir die Ausläufer der sandigen Dünen und hier durfte wieder galoppiert werden.
Lotte spurtete mit der kleinen, flinken Luna wieder voraus und wir anderen folgten sofort hinterher. Die Pferde warfen die Hufe hinter sich und tobten über den weichen Untergrund. Da ich als Letzte ritt, war ich zusätzlich damit beschäftigt im Slalom zu galoppieren, um den Massen von Sand auszuweichen, die die Stuten vor uns aufwirbelten, damit er Pambol und mir nicht im Gesicht landete.
An einer Weggabelung blieben wir kurz stehen. Lotte vergewisserte sich, dass es uns allen gut ging. Niemand hatte einen Steigbügel verloren, alle hatte Spaß, es konnte weiter gehen. Jetzt folgte eine längere Strecke, die man ungebremst durch galoppieren konnte. Die Pferde kannten den Weg natürlich und wollten nicht mehr warten. Die Mädels gaben ihren Stuten wieder die Sporen, aber nun ging Pambol das wohl doch alles zu langsam. Er war jetzt warm gelaufen und wollte rennen. Aus dem Stand sprintete er los und ich erwischte mich dabei, wie ich mich überrascht mit einer Hand am Sattel festhielt, bis ich mich wieder sortiert hatte.
„Nimm sofort die Hand da weg!“ , schalt ich mich im Stillen. Ich hielt die Zügel jetzt mit einer Hand, denn die andere brauchte ich, um die tiefhängenden Zweige aus dem Weg zu schlagen. Es ging in vollem Tempo weiter. Die Mädels auf ihren viel kleineren Stuten konnten bequem unter den meisten Ästen durchreiten. Aber ich musste ja unbedingt auf dem Elefanten sitzen und war voll damit beschäftigt, dem Gestrüpp auszuweichen oder darunter durch zu tauchen.
Trotzdem hat der lange Galopp inklusiver sportlicher Geschicklichkeitsübungen meinerseits viel Spaß gemacht. Der Weg führte leicht bergauf und schlängelte sich in leichten Kurven durch den Wald. Schnaufend kam unsere kleine Herde oben an und wir klopften unseren Pferden lobend auf die verschwitzten Hälse. Jetzt ging es wieder im Schritt ein ganzes Stück durch den tiefen Sand einer Düne am Waldrand. Die Pferde sanken mit ihren Hufen so tief ein, dass Lotte auf ihrem kleinen Halbpony mit den Füßen fast den Boden berührte. Zurück im Wald bogen wir wieder auf den Hauptweg ab, um direkt daneben auf einem kleinen, sandigen Trampelpfad noch mal zu galoppieren. Aber auch hier waren die Zweige so weit in den Weg gewachsen, dass selbst die Mädels auf den kleineren Spanierinnen sich ducken mussten. Denn was nützt einem der Helm, wenn einem die Zweige ins Gesicht klatschen?
Die Zeit war schon weit fortgeschritten und so langsam mussten wir uns wieder auf den Rückweg machen. Wir wechselten auf den Hauptweg, um von da aus den Berg auf der anderen Seite herunter zu klettern, als Luna vorne plötzlich die Ohren spitzte und abrupt stehen blieb.
Da war etwas neben dem Weg, das da nicht hin gehörte! Da stand doch tatsächlich ein Auto mitten im Naturschutzgebiet! Die Hecktür war weit geöffnet, vier bis fünf Menschen standen da herum, unterhielten sich laut und aus dem Inneren des Wagens ertönten merkwürdige Pieps-Geräusche.
Was war das für ein Gezirpe? Hatten die da Vögel drin? Was machten die hier mit ihrem Auto verbotener Weise mitten im Wald und frecher Dings genau auf unserem Reitweg?! Großes Falkner-Treffen?? Fragen über Fragen!
Luna ganz vorne jedenfalls fragte sich nicht, was die Versammlung darstellen sollte. Sie wusste nur: das war gestern noch nicht da! Und auch sonst noch nie!! Das war gruselig und sie weigerte sich, an dem Auto vorbei zu gehen.
Ich machte mir ein wenig Sorgen um Lotte, die mit baumelnden Beinen, ohne Steigbügel, die ihr mehr Sicherheit gegeben hätten, auf dem tänzelnden Pony bemerkenswerter Weise wie angeklebt auf ihrem Pad saß und versuchte, Luna dazu zu bewegen, trotz ihrer Angst das pferdefressende Gebilde mit weit aufgerissenem Rachen und die unbekümmerte Versammlung von lauthals schwatzenden Menschen zu umrunden. Wir mussten nämlich erst genau an ihnen vorbei, um dann hinter ihnen auf einem schmaleren Pfad wieder im Wald zu verschwinden. Jedenfalls war das der Plan…
Ich beobachtete gespannt wie Lotte der sich sträubenden Luna gut zuredete und sie dann sicher um die immer noch mit unverminderte Lautstärke plappernden Menschen und ihr Fahrzeug herum dirigierte. Die zwei Schimmel-Mädchen trugen ihre Reiterinnen vertrauensvoll der spontan in Schweiß ausbrechenden Luna hinterher. Nur ich war so sehr damit beschäftigt, Lotte die Daumen zu drücken, dass ich auf mein eigenes Pferd gar nicht mehr geachtet habe.
Auch Pambol hatte gespannt die Szene verfolgt. Als ich ihm meine Schenkel in die Flanken drückte, um ihn zum Nachfolgen zu animieren, machte er mit mir spontan einen gewaltigen Satz seitwärts in die Büsche! Er glaubte weder mir noch den Stuten, die bereits hinter dem Auto auf uns warteten, dass die Situation ungefährlich sei und wir drehten uns ein paar Mal im Kreis. Einen kurzen Moment lang hegte ich die Befürchtung, dass er mit mir auf dem Absatz kehrt machen und im gestreckten Galopp das Weite suchen würde. Ich schaffte es zwar, ihn wieder in die richtige Richtung zu drehen, aber jetzt spielte er Standbild. Er stemmt die Hufe in den Boden, ließ die Gelenke einrasten und starrte mit durchgedrückten Beinen und gespitzten Ohren auf die vermeintliche Gefahr und bewegte sich kein Stück. Alles gut Zureden und Antreiben nützte nichts.
„Ich fürchte, du musst kommen und uns retten!“ rief ich Lotte über die Köpfe der mäßig interessierten und ungebetenen Zuschauer hinweg zu.
„Ich komme!“, rief sie sofort. “ Bleibt ihr hier mal schön stehen und strahlt Ruhe aus“, wies sie die Gäste an. Lotte machte kehrt und umrundete erneut die Störenfriede. Luna war wenig begeistert, schon wieder da lang zu müssen. Aber sie blieb brav und reagierte vorbildlich auf Lottes Hilfen.
„Da bin ich. Na los, Pambol! Beweg dich! Alles ist gut!“
Aber Pambol glaubte auch ihr nicht. Wir redeten gemeinsam auf ihn ein und sogar Luna schien ihm Mut machen zu wollen. Denn schließlich hatte sie sich jetzt schon zwei Mal an dem Auto vorbei getraut. Sie drehte ihm keck ihr süßes, geschecktes Hinterteil mit dem kessen Araber-Knick entgegen und endlich, endlich ließ sich der große, misstrauische Mallorquiner überreden!
Mit gespitzten Ohren, großen Augen und linkswärts eingedrehtem Körper tippelten wir, wie auf heißen Kohlen um den Wagen und die Gruppe herum und sortierten uns wieder in die Reihe. Dabei kraulte ich unerlässlich seinen schwarzen Hals und vergewisserte ihm, dass er ein gaaaaanz tapferes Pferd sei…
Wir ließen die nervenaufreibende Situation hinter uns und verschwanden wieder im Wald. Zur Beruhigung genehmigte sich Pambol erst mal einen großzügigen Haps vom nächst besten Gestrüpp und kaute schon wieder ganz zufrieden vor sich hin, während wir uns daran machten, den Berg Richtung Cala Agulla hinunter zu klettern.
Der Rückweg gestaltete sich zum Glück relativ ereignislos. Die beiden Gäste freuten sich über ihre entspannten und nervenstarken Stuten und man unterhielt sich noch ein wenig über Pferde allgemein und wie unterschiedlich sie auf ungewohnte Situationen reagieren. Denn eigentlich sind ihnen Menschen und Fahrzeuge aller Art ja nicht fremd. Aber sie kennen auch ihre Wege in- und auswendig und manchmal muss da nur ein Stein ein wenig verschoben an einer anderen Stelle liegen als gestern, oder der Wind weht eine liegen gelassene Plastiktüte sanft über die Erde und schon wird das ein oder andere Pferd misstrauisch. Und wenn da auch noch ganz unvermutet ein Auto inklusive einer Gruppe Leute auf ihren wohl vertrauten, einsamen Wegen campiert und komische Geräusche macht, ist für so manches sensible Fluchttier der Ofen aus.
Zurück im Stall brachte ich das große Sensibelchen wieder zu seiner Zoe und sattelte ihn ab. Ich durfte ihn noch ein bisschen kraulen, dann ging er zurück in den Unterstand und versenkte sein schweres Haupt schnaubend im Stroh.
Die beiden Gäste buchten bereits voller Vorfreude ihren nächsten Ritt und ich machte mich auf die Suche nach Lotte, um mich bei ihr für´s Retten zu bedanken. Sie ist eine hervorragende und souveräne Reiterin und mit ihr würde ich jeder Zeit wieder reiten.
Das nächste Mal allerdings, nehme ich mir dann doch ein Pferd ein bis zwei Nummern kleiner…
Als heutige Lektion kann man getrost sagen: Die größten und stärksten Typen sind nicht unbedingt die Mutigsten!

Text und Foto: Nadja von der Hocht

Ein Gedanke zu „Pambol

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    Juni 16, 2019 um 3:59 pm
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    Tolles Erlebnis und so anschaulich geschrieben. Ich saß beim Lesen selbst im Sattel. Dein fundiertes Wissen und der Ausdruck hat mich begeistert. Wie mutig, sich so auf ein fremdes Pferd einzulassen. ….”David auf Goliath”….und tatsächlich, die Kleinen sind oft die Größten….

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