Zeichnung von Caligula und Incitatus von Jean Victor AdamDie Liebe und Begeisterung zu einem bestimmten Pferd ist kein Phänomen der Neuzeit. Man, bzw. wohl eher Frau kennt das bestimmt:

da wird für den auserwählten Liebling nur das erlesenste Futter, die kuscheligsten Decken, der schönste Sattel, das geschmeidigste Zaumzeug, das beste Putzzeug und die ausgefallensten Pflegeprodukte gekauft und natürlich ist alles farblich miteinander abgestimmt.

Im alten Rom aber gab es einst einen Kaiser, der bis heute alles und jeden in den Schatten stellt, wenn es um Fürsorge oder Obsession für sein Lieblingspferd geht; und zwar ging das so weit, daß ihm dies in den Geschichtsbüchern als Beweis für seinen Wahnsinn ausgelegt wird. Er war nämlich ein ziemlich tyrannischer, arroganter, sadistischer und zynischer Machtmensch, was ihn allerdings nicht daran hinderte, ganz besonders lieb zu seinem Lieblingspferd zu sein. Die Rede ist hier vom römischen Kaiser Gaius Caesar Augustus Germanicus, der Nachwelt besser bekannt als Caligula (12 - 41).
Caligula regierte das Römische Reich von 37 bis 41 und war der Onkel des berühmt-berüchtigten Kaisers Nero, der es ebenfalls mit hauptsächlich negativen Einträgen in die Geschichtsbücher geschafft hat.Mosaik der vier Zirkusparteien
Doch zurück zu Caligula. Auch seine recht kurze aber intensive Regierungszeit stand, wie bei so vielen anderen Kaisern auch, unter dem Motto: „
panem et circenses“ (Brot und Zirkusspiele), womit nicht nur die immer brutaler und blutiger werdenden Gladiatorenkämpfe gemeint waren, sondern auch die berühmten Wagenrennen. Zu Caligulas Zeit gab es in Rom vier große Rennställe bzw. Zirkusparteien: „Prasina“ (die Grüne), „Veneta“ (die Blaue), „Russata“ (die Rote) und „Albata“ (die Weiße). Caligula war ein Fan der Grünen Zirkuspartei, die er nach Kräften unterstützte, denn aus ihrem Stall kam das Rennpferd „Incitatus“, von dessen sportlichen Leistungen der Kaiser mehr als angetan war. Dieses besondere Pferd musste gefördert werden und wenn man ein Kaiser ist, der über unbegrenzte Mittel verfügt, lassen sich die ausgefliptesten Dinge realisieren, ganz egal, was der Senat, der Pöbel oder die Nachwelt davon zu halten gedenkt. Caligula begnügte sich nämlich nicht damit, bei dem Pferd auf eine ausgewogene Ernährung zu achten oder seinem Liebling nach jedem Training ein Extramöhrchen zu gönnen. Seine Fürsorge nahm höchst seltsame und immer bizarrere Ausmaße an. So residierte Incitatus beispielsweise in seinem eigenen Palast ausgestattet mit kostbaren Möbeln und Futterkrippen aus Elfenbein und Marmor. Um sein leibliches Wohl kümmerte sich nicht bloß ein schnöder Stallbursche, sondern gleich eine ganze Armee von Bediensteten. Die hatten auch ordentlich zu tun, denn das Pferd musste nicht nur gestriegelt und gebürstet, sondern auch standesgemäß geschmückt und herausgeputzt werden. So wurde Incitatus, was übrigens soviel wie „Heißsporn“ heißt, aber auch mit „erregt, lebhaft oder schnell“ übersetzt werden kann, mit Ketten aus Perlen und den schönsten Edelsteinen behangen. Er besaß sogar einen mit Purpur eingefärbten Sattel. Diese Farbe war normalerweise nur dem Herrscher vorbehalten, da sie zu dieser Zeit unglaublich teuer und schwer zu beschaffen war. Doch für Incitatus war dem Kaiser nichts zu teuer. Er ließ das Pferd sogar auf kuschelig weichen Decken schlafen, die im schönsten Purpur erstrahlten oder ließ es damit eindecken.
Diversen Quellen zufolge bekam der verwöhnte Gaul sogar goldfarbene Gerste und Haferflocken zu fressen, denen zusätzlich hauchdünne Flocken aus Blattgold beigemischt waren. Des weiteren kredenzte man ihm den erlesensten Wein in goldenen Kelchen und man servierte ihm angeblich Mäuse, Tintenfische, Muscheln und Hühnchen!
Es ist nichts über das weitere Schicksal dieses Pferdes bekannt, da es nur als Beweis für den Wahnsinn seines erlauchten Gönners in den Annalen der Geschichte auftaucht. Aber angesichts dieses wahnwitzigen Speiseplans, wird die nächst beste Kolik wohl die seine gewesen sein und sein Schicksal besiegelt haben.
Der bekloppte Speiseplan war aber noch längst nicht alles. Angeblich nächtigte der Kaiser vor jedem Rennen höchstpersönlich neben Incitatus und ordnete eine strickte stadtweite Ruhe an, die unter Todesandrohung nicht gebrochen werden durfte, damit der Champion sich gut ausruhen und konzentriert an der Start gehen konnte. Selbstverständlich wurden auch die Straßen geräumt, wenn man Incitatus zum Stadion brachte, um ihn ja nicht in seiner Konzentration zu stören.
„Wagenrennen“, 1876, von Jean-Léon GérômeDieses außergewöhnliche Rennpferd soll nur ein einziges Rennen verloren haben. Da Caligula den siegreichen Wagenlenker dieses besagten Rennens allerdings stante pede hübsch langsam hinrichten ließ, um sicher zu gehen, daß er auch litt und noch Zeit hatte, sich darüber Gedanken zu machen, was ihn denn geritten hatte, ein Rennen bei dem des Kaisers Liebling antrat, unbedingt gewinnen zu wollen, wird das wohl allen übrigen Wagenlenkern eine Lehre gewesen sein und sie taten ihr Bestes, künftig nicht mehr als den zweiten Platz anzustreben.
Die Krönung der Karriere dieses erlauchten Pferdes sollte ein Sitz im Senat werden. Hier streiten sich die Gelehrten, ob diese Ernennung nur ein weiterer Beweis für den Wahnsinn des tyrannischen Kaisers war, oder ob es nur eine weitere Spitze seitens des Kaisers in Richtung des Senates gewesen ist. Frei nach dem Motto: „Ihr seid alle unfähig – ein Pferd könnte euren Job besser machen.“ Wie dem auch sei: er hat es tatsächlich gesagt. Caligula hatte für sein verwöhntes Lieblingspferd Incitatus im Jahre 42 einen Sitz im Senat vorgesehen. Vielleicht war das der ausschlaggebende Punkt, warum Caligulas Herrschaft im Jahre 41 mit einem Dolch vorzeitig beendet wurde. Da man zu der Zeit gerne das Andenken eines verhassten Herrschers zerstörte und sämtliche Statuen und Büsten zerschlug und sogar Münzen mit dem wenig geliebten Konterfei aus dem Verkehr zog und einschmolz, bleibt nur zu hoffen, das dem armen Pferd ein ähnliches Schicksal erspart blieb und es auch nach dem Tod seines Gönners noch eine Weile am Leben bleiben durfte. Selbst wenn man ihn aus seinem prunkvollen Palast ausquartiert hatte und ihm seine Diener, die schönen Decken und den Schmuck weg nahm, so könnte man sich für Incitatus ein schlimmeres Schicksal vorstellen, als ein Leben auf einer grünen Wiese mit anderen Pferden statt zwischen Marmor und Elfenbein und einer Herde menschlicher Diener.

 

Text: Nadja von der Hocht

Bild: Zeichnung von Caligula und Incitatus von Jean Victor Adam (1801-1867)
Victor Adam, Public domain, via Wikimedia Commons

Bild: Mosaik der vier Zirkusparteien
Miguel Hermoso Cuesta, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Bild: „Wagenrennen“, 1876, Art Institute of Chicago, von Jean-Léon Gérôme (1824-1904)
Jean-Léon Gérôme, Public domain, via Wikimedia Commons